Finn Leckelt (6H) erzählt: „Ein Geschenk von Herzen“

Liebe Leserinnen und Leser der Effner-Welt,

gerne möchten wir euch und Sie in der Vorweihnachtszeit mit ein bisschen Magie beschenken. Finn Leckelt entführt uns dabei in die fantastische Welt des Kobolds Gwendolin. Viel Spaß beim Lesen!

 Ein Geschenk von Herzen

Dieses Weihnachten saß der kleine Kobold Gwendolin in seiner von Kerzen erleuchteten Koboldhöhle in der Heimatstadt im Winterwald und war ratlos. Bisher war ihm jedes Jahr pünktlich zu Weihnachten eine tolle Idee eingefallen, wie er seinen Freunden zu den besinnlichen Tagen eine Freude bereiten konnte. Jedes Jahr hatte er sich voller Vorfreude in seine Werkstatt begeben und sowohl am hellsten Tag als auch nachts an dem perfekten Geschenk getüftelt. Doch dieses Jahr kam ihm einfach keine Idee in den Sinn. Was war los mit ihm? Was war der Grund, dass ihm dieses Jahr nichts einfallen wollte? Es war ganz so, als hätte ihm jemand die Ideen aus dem Kopf gerüttelt. Lag es daran, dass er sich dieses Jahr das Ziel gesetzt hatte, nicht wie in den vergangenen Jahren riesige Geschenke zu machen? All die Jahre hatte er immer Spielzeuge aus Holz hergestellt und die großen Pakete aufwendig in buntes Geschenkpapier eingewickelt. Er hatte allerdings den Verdacht, dass viele seiner Freunde die Basteleien so schön fanden, dass sie ganz vergaßen, was eigentlich dahintersteckte, worum es an Weihnachten gehen sollte. Zugleich dachte er aber auch, dass es doch der Sinn war, anderen an Weihnachten mit Geschenken eine große Freude zu bereiten. Gwendolin war in einer Zwickmühle und wahrscheinlich fiel es ihm deshalb schwer, auch diesmal eine Idee für ein tolles Geschenk zu finden.

Der Kobold war sehr erschrocken, als er eines Tages mit einem engen Koboldfreund über all seine Sorgen zu sprechen begann und dieser nur antwortete: „Sinn – Weihnachten? Keine Ahnung! Lass uns ein anderes Mal darüber reden. Ich habe gerade nicht wirklich Zeit, ich muss noch Geschenke basteln!“ Gwendolin dachte nach: Wozu mache ich eigentlich all diese Geschenke? Klar, ich liebe es, wenn die Augen meiner Freunde am Heiligabend wie Sterne leuchten, aber warum sollte ich damit weitermachen, wenn sie das Geschenk zwar zu Weihnachten anschauen und sich freuen, es danach aber über den Rest des Jahres irgendwo in einer Ecke verstaubt? Er hatte ein schlechtes Gefühl bei diesem Gedanken und Angst, dass er bald keine Freunde mehr haben würde, wenn er kein Geschenk fand. Dem Kobold kullerte eine Träne über eine seiner Wangen. Da saß er nun, verzweifelt und traurig in seiner Koboldhöhle. Er grübelte lange nach, was er in seiner Lage tun konnte.

Draußen fielen die ersten Schneeflocken und in den Häusern und Höhlen duftete es herrlich nach Weihnachten. Gwendolin, der immer noch grübelnd auf seiner Fensterbank saß, sprang irgendwann auf, zog Schal, Mütze, Handschuhe, Stiefel und eine Wolljacke an, welche er eines kalten Novemberabends gestrickt hatte. Er musste etwas tun, um wieder klarer denken zu können. Er hatte vor, einen Schneemann zu bauen.  Der Kobold begann ohne nachzudenken, sich eine Hand voll Schnee zu nehmen. Daraus formte er eine Kugel, legte diese auf den inzwischen schneebedeckten Boden und rollte sie über die glitzernde, weiße Schicht. Diesen Vorgang wiederholte er noch ein zweites und ein drittes Mal. Als das getan war, stapelte Gwendolin die Kugeln aus Schnee aufeinander und steckte noch eine Möhre als Nase und Steine für Augen und Mund in die oberste Kugel. Gwendolin hatte gerade den größten Schneemann gebaut, den das Dorf je gesehen hatte. Er betrachtete den Mann aus Schnee so lange, bis aus seinem traurigen Gefühl Freude wurde. Bald stand er mit einem Lächeln über dem ganzen Gesicht vor der riesigen Schneefigur. Jeden Tag eilten nun Kinder herbei, um Gwendolins Werk zu sehen und kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Glückselig beobachtete der Kobold die Kinder, er hatte nicht geahnt, dass es so leicht war, anderen eine Freude zu machen.

Als er eines Tages neben seinem Schneemanns stand, bemerkte Gwendolin einen kleinen Punkt, der sich langsam am Horizont bewegte. Er lief neugierig darauf zu und erkannte irgendwann einen roten Schlitten und dann das Gesicht seines Freundes Ben. Gwendolin freute sich sehr, ihn zu sehen, er hatte ihn nämlich zuletzt vor vier Monaten gesehen. Ben staunte nicht schlecht über den Schneemann und die Kinderscharen davor und zusammen gingen die Freunde nun in Gwendolins Koboldwohnung. Schnell feuerte er den Ofen an und schnitt zwei Stücke seiner überall bekannten Schokotorte ab. Zusammen mit selbstgebackenen Plätzchen und einer Tasse Weihnachtstee servierte er sie seinem Freund und die beiden aßen und tranken und hatten sich viel zu erzählen. Sie saßen lange zusammen im Kerzenschein am Tisch und redeten über alles, was ihnen in den Sinn kam. Der Kobold teilte endlich auch seine Sorgen mit Ben. Dieser sprach: „Lieber Gwendolin, ich war heute eigentlich nur hierhergekommen, um schnell dein Geschenk abzuliefern. Aber nach deiner herzlichen Begrüßung und beim Anblick all der wunderbaren Dinge, die du tust, um anderen eine Freude zu machen, brachte ich es nicht übers Herz, gleich wieder zu gehen. Wie könnte man bei diesem wunderbar gedeckten Tisch auch nicht bleiben wollen? Das war so schön, denn ich muss gestehen: auch mir ging es so wie deinen Koboldkollegen. Ich hätte den Sinn von Weihnachten fast vergessen. Deine Liebe und Wärme hier ließen mich aber zur Ruhe kommen. Du hast mir heute nichts anderes als deinen wunderbaren Kuchen und diesen süßduftenden Weihnachtstee in die Hände gegeben. Und trotzdem hast du mir Weihnachten viel, viel nähergebracht als alle Geschenke, die ich sonst bekam. Ich danke dir von Herzen. Es war schön zu merken, dass es nicht darauf ankommt, wie groß ein Geschenk ist, sondern mit wie viel Liebe du es gemacht hast.“

Als Ben gegangen war, fühlte Gwendolin, wie wohl ihm innerlich in den letzten Stunden geworden war und Bens Worte gingen ihm noch lange durch den Kopf. Seine Sorgen vom Vorabend waren wie weggeblasen, denn plötzlich kam ihm eine Idee:

Er begann Schokotorten nach altem, norwegischem Rezept zu backen und Tee in Kannen abzufüllen. In jedes Päckchen, das er schnürte, steckte er nichts anderes als diese zwei Dinge und einen Zettel, auf welchem stand:

Eine Geschichte der Effner-Welt von Finn Leckelt (6H) und J. Beurer

 

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Zuletzt überarbeitet am 11.01.2022