Effner-Lyrikwettbewerb 2026: Und wir machen weiter – trotz allem!

Und wir machen weiter – trotz allem!

Nach der 10. Ausgabe von „Lyrik am effner“ stand für uns die Überlegung im Raum, ob es an der Zeit wäre, das Projekt einzustellen. Die Frage kam auf, ob es noch zeitgemäß und sinnvoll ist, in der gegenwärtigen Umbruchphase und im Angesicht anderer, unbestritten sehr dringlicher Inhalte, dazu aufzufordern, ein Gedicht zu schreiben.
Kann nicht die KI nach Eingabe der richtigen Prompts Gedichte produzieren, die kaum noch von menschlich verfassten zu unterscheiden sind?
Können wir überhaupt noch beurteilen, ob ein Gedicht eigenständig verfasst wurde?

Im völligen Bewusstsein, dass diese und viele andere Einwände durchaus berechtigt sind, überwiegt für uns aber immer noch ein Argument:
Das Verfassen eines Gedichts ist viel mehr als das neue Zusammensetzen von bereits Produziertem, wie es eine KI macht, es ist sogar mehr als nur das Niederschreiben und ästhetische Anordnen von ein paar Wörtern oder Sätzen.

Ein Gedicht bricht durch seine ganz eigene, über Jahrtausende gewachsene Gestalt sprachliche Grenzen auf. Durch die Ausgestaltung mit Rhythmus, einer bestimmten Form und die Einbindung sprachlicher Bilder eröffnet es die Möglichkeit, andere Bereiche als nur das Sprachzentrum anzusprechen. So können Gefühle ausgedrückt und erzeugt werden, die im täglichen Sprachgebrauch schwer formulierbar sind – ähnlich wie wir durch Musik oder Bilder anders angerührt werden als durch Worte. Unaussprechliches im wörtlichen Sinn kann ausgedrückt werden. In einer oft nicht mehr überschaubaren Welt, in der nicht nur das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu großer Verunsicherung führt, wird jungen Menschen eine Möglichkeit aufgezeigt, das, was sie denken oder auch nur fühlen, zu vermitteln. Nicht wenige nutzen dieses Angebot, probieren sich aus und entdecken oft auch ein ungeahntes Talent, so dass wir jedes Jahr aufs Neue beim Lesen der eingereichten Werke beeindruckt sind.

Doch der Moment, in dem ein junger Mensch auf der Bühne steht, angespannt, unsicher, oft nach großer Überwindung, und dann mit eigener Stimme vor über 100 Menschen in einem Gedichtvortrag sein Inneres preisgibt, ist mehr als beeindruckend, er ist überwältigend. Die jungen Menschen tragen an diesem Abend vor Publikum ihre „Erfahrungen in Gefühl“[1] vor – denn als solches haben die Lyriker Elmar Kupke und Hans Christoph Neuert ein Gedicht bezeichnet. Diese Momente der Ergriffenheit von Vortragenden und Zuhörenden sind „live“ und die nicht anzweifelbare Realität. Darüber hinaus lassen sie die jungen Menschen unmittelbar erfahren, dass sie eine reale Stimme haben, sich auf einer echten Bühne Gehör verschaffen können – eine Erfahrung, die sehr wichtig ist in einer Zeit, in der ein Großteil der Kommunikation nur noch im vermeintlich geschützten digitalen Raum stattfindet, und die sie vielleicht im späteren Leben einmal brauchen können. Sie kann ihnen darüber hinaus Mut machen, ihre Stimme zu erheben, wenn es einmal nötig ist.

So fand auch in diesem Jahr die Preisverleihung zum 11. Wettbewerb „Lyrik am effner“ am 24.06.26 in feierlichem Rahmen im Parkettbereich statt. Wie üblich waren im Vorfeld Themenfelder vorgegeben, zu denen die Schülerinnen und Schüler Gedichte erstellen konnten. Heuer waren dies:

  1. effnersphäre
  2. Welt im Wandel
  3. Meine Zeit
  4. *bruch
  5. Wie schön!

Aus den ca. 130 eingereichten Gedichten wählte die Jury bestehend aus Rita Klumpp, Anh Duy Nguyen und Martina Notz insgesamt 36 Werke aus, die in die Anthologie aufgenommen wurden. Illustriert wird die Sammlung durch künstlerische Arbeiten von Schülerinnen und Schülern. Die zehn Jahrgangsstufensieger konnten zusammen mit acht weiteren Vortragenden ihre Gedichte vorlesen und erhielten als Preise Schreibutensilien, Veranstaltungs- und Buchgutscheine sowie Buchpreise.

Weitere Bereicherungen der Veranstaltung waren die Präsentation der Kunstwerke sowie ein musikalisches Rahmenprogramm, das durch Maximilian Zhang (Flügel), Samuel Hauger (Flügel), Isabell Siller (Violine), Penelope Kornbausch (Violine), Gudrun Huber (Bratsche) und Magdalena Nöbauer (Cello) unter Betreuung von Gudrun Forstner und Gudrun Huber präsentiert wurde.

Preisträgerinnen und Preisträger des 11. Effner-Lyrikwettbewerbs: Agnes Eberle, Liv Delfgaauw, Valentin Wernthaler, Tuana Yanik, Anna-Lena Göttler, Isabella Pölsterl, Clara Alvarez Alverez, Anni Anh Nguyen, Moritz Mühlbauer (v. l.), Mia Gross (fehlend)

Gratulation an die diesjährigen Siegerinnen und Sieger:

Isabella Pölsterl (5. Klasse) mit „Abtauchen“
Clara Alvarez Alvarez (6. Klasse) mit „Wie schön die Freundschaft doch ist!“
Anni Anh Nguyen (7. Klasse) mit „Mein schönes kleines Irrlichtlein“
Liv Delfgaauw (8. Klasse) mit „Spielstopp“
Agnes Eberle (9. Klasse) mit „Zeitmächtig“
Anna-Lena Göttler (10. Klasse) mit „Nur noch 5 Minuten“
Valentin Wernthaler (11. Klasse) mit „Ein Monolog“
Tuana Yanik (11. Klasse) mit „Ohne Kontext“
Moritz Mühlbauer (12. Klasse) mit „Demokratie* (die Herrschaft des Volkes)“
Mia Gross (13. Klasse) mit „Anonyme Zerrissenheit“

Die 11. Ausgabe der Lyrikanthologie kann, solange der Vorrat reicht, bei uns zum Preis von € 5,- erworben werden, später ist sie für € 8,95 auch beim rediroma Verlag oder im Online-Handel erhältlich.

Wir freuen uns, auch im nächsten Jahr wieder von zahlreichen „Erfahrungen in Gefühl“ ergriffen zu werden!
Nachfolgend sind zwei Gedichte der Preisträgerinnen und Preisträger zu lesen.

Das Lyrikteam – Rita Klumpp, Anh Duy Nguyen und Martina Notz

 

Spielstopp

klitze kleine Hände
umgreifen den Zinnsoldaten
große starke Hände
umgreifen die Waffe
die klitze kleinen Hände wackeln vor Lachen
die großen starken Hände zittern vor Angst
die klitze kleinen Augen leuchten vor Freude
die großen Augen lodern vor Wut
die klitze kleinen Füßchen trippeln auf den Boden
die großen starken Füße stampfen im Takt
denn wenn das Spiel zur Wirklichkeit wird
Spielstopp, Spielstopp
doch es liegt nicht in deiner Macht
hörst du trotzdem, wie das Kind lacht?

Liv Delfgaauw, 8. Klasse

 

Demokratie*
(die Herrschaft des Volkes)

wie schön

wenn die Farben grau werden
wenn der Regen gegen die Fenster peitscht
und heilig im Abfluss versickert
zusammen mit dem Blut des Priesters

wie schön

wenn die Bremsen quietschen
und Gewehre dröhnen
und drei Waisen weinen

wie schön

wenn das rasende He.rz gestoppt wird von Blei
und der Atem versiegt
als würde Beton jetzt durch die Lungen fließen

wie schön
wenn die Freiheit endet
als wäre sie ein Tag wie jeder andere

und die Nacht
die Körper benetzt wie schwarzes Öl

und der Hass in den Augen brennt

Moritz Mühlbauer, 12. Klasse

 

[1] Quelle: Kupke/Neuert, Lyricon 1, 1985, zitiert nach: https://www.aphorismen.de/zitat/38182, abgerufen am 27.04.2026


Zuletzt überarbeitet am 08.09.2026