Von Schlafanzügen, Super-Marios und Seeräubern: 5 Tage Mottowoche aus Lehrersicht

Tag 1:

Monday-Blues? Nicht an diesem Montag. Oder doch? Die meisten Menschen mögen keine Montage und so erscheint es irgendwie gar nicht so deplatziert, dass die diesjährige Q12 ihre Mottowoche im Schlafanzug eröffnet. Oder Bademantel. Heutige Stimmung: Hangover. Trotzdem werde ich zu Beginn der ersten Pause freudig und voller Tatendrang von einigen unrasierten Herren in Mäuse-Shorts oder Altmänner-Bademänteln begrüßt, im Klassenzimmer wartet die letzte Reihe in rosa Flauschepullis, Einhorn-Hausschuhen und Schlafmasken auf mich. Abiaufgaben durcharbeiten? Läuft, und zwar gar nicht so verschlafen, wie man erwarten würde. Manchmal machen Kleider eben doch nicht Leute.

 

Tag 2:

Mit lauten Motorengeräuschen schießt zu Beginn der heutigen Pause ein wildgewordener Super-Mario an mir vorbei, passiert den Fahrradparkplatz und legt eine elegante Wendung hin. Der echte Mario wäre sicher stolz. Währenddessen versammeln sich beim kleinen Lehrerparkplatz weitere Luigis, Kim Possible, Pippi Langstrumpf und Prinzessin Lillifee neben Bob dem Baumeister zum Gruppenfoto. Heute ist Tag der Kindheitshelden. Neben der halben Fußballnationalelf der letzten zehn Jahre in Doppelbesetzung (spielt Müller wirklich immer noch?) wartet die Schöne auf ein Biest und Anakin Skywalker duelliert sich umringt von Anhängern der dunklen Seite der Macht mit anderen Jedi-Schülern. Auch heute hat die Q12 eindeutig wieder für Aufsehen gesorgt und uns Lehrern auch ein bisschen gezeigt, dass wir langsam alt werden.

 

Tag 3:

Mittwochmorgen, Doppelstunde Deutsch in der Q12-1, letzter Feinschliff vor dem Abitur. Verwirrt halte ich kurz inne, Kollegin Rochau kommt mir bereits entgegen. Habe ich mich im Wochentag… nein, eindeutig Mittwoch, keine Stundenplanänderung. Allerdings: Tag drei der Mottowoche, heute im Lehrerstyle. Kollegin Rochau entpuppt sich beim Näherkommen dann doch als Natalie Hümmer, glänzt aber in denselben Farben, Schuhen und mit der typischen Sonnenbrille im Haar. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich noch mehr Kollegen-Doubles im Trakt: die Herren Heusel, Hocheder und Fischer, Kollege Maurer sogar gleich in mehrfacher Ausfertigung – die nötigen Kleidungsstücke dafür wurden meist den elterlichen Schränken entnommen. Auch Valentin Kropf und Gabriel Bogner sehen mit Trainingsjacke und Sportbrille ihrem Vorbild Tom Schulz zum Verwechseln ähnlich. Auf dem Gang patrouillieren derweil Stähler-Doubles und philosophierende Herr Triebfürsts, eine zweite Frau Angermeier zeigt, dass auch sie auf hohen Stilettos laufen kann. Und dann finde ich mich auch noch selbst mehrfach im Klassenzimmer wieder – zugegebenermaßen recht treffend imitiert mit Lederjacke, Brille und weißen Sportschuhen, sogar an die Locken und die Tattoos wurde gedacht. Der Tag des Lehreroutfits ist jedes Jahr ein bisschen wie der Spiegel, welchen man schätzt und fürchtet zugleich – er karikiert auf anschauliche Weise, was und wie uns Schüler:innen in all den Stunden sehen. Tagsüber sieht man unentwegt die Doubles auf der Suche nach ihren Originalen durchs Schulhaus ziehen, Fotos werden gemacht, Outfits abgeglichen und ich freue mich, dass nicht nur ich bei manchen vermeintlichen Kolleg:innen zweimal hinsehen musste.

 

Tag 4:

Normalerweise kann ich nicht anders, als auf ein lautes „Halts Maul“ im Schulhaus oder den provozierenden Mittelfinger mit bösen Blicken und einer deutlichen Ermahnung zu reagieren. Heute muss ich unter größter Anstrengung zwei Augen zudrücken, immerhin ist das Teil der Inszenierung, denn die Hälfte der Q12 kennt sich offenbar blendend im RTL2-Milieu aus. Schwangere Mütter mit Zigarettenkippen im Mund scheinen hier ihr Bewerbungsvideo für den nächsten Frauentausch zu drehen, diverse Jogging-Anzug-Träger:innen mit lauter Musik sind offensichtlich unmittelbar vom Set von Berlin Tag und Nacht angereist. Als wäre es nicht schon verstörend genug, vor pöbelnden „Assis“, wie sie sich selbst nennen, zu unterrichten – daneben sitzt ironischerweise die Business-Fraktion. Damen in Kostümchen und High Heels, gut gekleidete Herren in Anzügen und Aktentaschen vollenden das bizarre Bild des heutigen Mottotags „Assi vs. Business – die Qual der Wahl nach dem Abi“.

 

Tag 5:

Während draußen Schneeregen fällt, fluten die Oberstufenschüler:innen heute zum letzten Mal verkleidet das Schulhaus. Ein Meer von Piraten und Seeräuberbräuten entert zu Beginn der ersten Pause die Aula und trotzt dem nasskalten Wetter und der anrollenden Abiprüfungswelle mit blendender Laune, Sea-Shanty und Griechischem Wein. Aber bei der Aula bleibt es nicht, die Capitains von Morgan kapern in den letzten Schulstunden mit wildem Geschrei die Klassenzimmer der jüngeren Mitschüler. Dass sie etwas auf die Beine stellen, feiern und für gute Laune sorgen können, haben die rund 140 Pirat:innen in dieser Woche zu Genüge bewiesen. Dieselbe Ausdauer wünschen wir der Crew natürlich auch für sämtliche Prüfungshürden, damit aus den Kapitän:innen nicht am Ende doch noch Seeräuber werden müssen.

 

J. Beurer, Effner-Welt

 

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